Kommunismus Scha-la-la-la-la …

Da es zum feiern leider noch etwas zu früh ist, gibts zur Überbrückung der Wartezeit wieder mal einen Lesetipp – und sogar einen thematisch passenden:

Kommunismus

„KOMMUNISMUS – kleine geschichte , wie endlich alles anders wird“

Vielen dürfte dieses wunderschöne Buch von bini adamczak bekannt sein. Anlass für mich, es dennoch kurz hier vorzustellen, ist ein Kommentar meinerseits zum Beitrag Luxus und Musse
von Emanzipation oder Barbarei. Darin hatte ich mich auf den theoretischen Teil des Buches bezogen, das, wie sich dann herausstellte, wohl doch nicht alle kennen (zumindest gilt dies für double f).
„KOMMUNISMUS – kleine geschichte, wie endlich alles anders wird“ ist, wie der Titel schon sagt, eine kleine Geschichte (55 Seiten + Epilog) über den Weg zur befreiten Gesellschaft. Die Geschichte ist im Stil eines Kinderbuchs geschrieben (wobei ich bezweifeln würde, dass sie von Kindern voll erfasst werden kann) und beschreibt sechs fiktive „Versuche“ der Menschen zum Kommunismus zu gelangen. Dem geht eine einfache aber um so anschaulichere Beschreibung dessen voraus, was Kapitalismus ist und warum die Menschen unter ihm leiden:
„Um zu verstehen, was der Kommunismus ist und um zu entscheiden, welche der kommunistischen Vorstellungen die beste ist, müssen wir also verstehen, was der Kapitalismus ist und wie er den Menschen Leid verschafft.“
Auf diese lustig zu lesende und dennoch reflektierte Art nähert sich bini adamczak materialistischen Begriffen wie Kapitalismus, Arbeit, Markt oder Krise.
Der zweite Teil des Buches (der Epilog) besteht aus einigen theoretischen Überlegungen „zur konstruktion des kommunistischen begehrens“ und ist, im Gegensatz zum Rest des Buches, in wissenschaftlich-theoretischer Sprache gehalten. Neben den Überlegungen zur Möglichkeit eines kommunistischen Begehrens formuliert bini adamczak hier ihre Kritik an Kapitalismuskritiken, die eine bestimmte Sphäre des Kapitalismus affimieren, um von diesem Standpunkt aus die restlichen Sphären zu kritisieren. Als solche führt sie Ansätze auf, die sich auf den Standpunkt der Zirkulation, der Produktion oder der Konsumtion stellen.
Unter der Überschrift „Und nun? ‚Ich hätte von dem Negativ gerne einen Abzug.‘ Von Standpunkten und Parkplätzen“ formuliert sie schließlich einige Gedanken zu einer immanenten Kritik an Adornos „Bilderverbot“ und plädiert demgegenüber für den Mut sich „auszumalen“ wie eine befreite Gesellschaft aussehen könnte: „… wie sollen Menschen machen können, was sie wollen, wenn sie garnicht wissen (wollen), was sie wollen. Wenn der Rahmen des Machbaren auch das Wünschbare begrenzt, dann wäre das Wünschen schon wünschenswert.“ Dies sollte jedoch nicht als Aufruf zum Idealismus verstanden werden, sondern als Plädoyer für ein „Kommunistisches Begehren: dass endlich alles anders wird“.

Eine Rezension des Buches findet ihr z.B. bei Webcritics. Auch lesenswert ist die im Diskus erschiene Rezension und die Kritik an dieser.


„GESTERN MORGEN – über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft“

GESTERN MORGEN heißt das neue Buch von bini adamczak, das gerade erst frisch erschienen ist. Ich hab es zwar schon Zuhause liegen, bin aber noch nicht dazu gekommen es zu lesen. Wer mehr wissen möchte kann sich die Rezension in der Jungle World durchlesen.
Gestern Morgen
Der Klappentext:
„Die Re-Konstruktion einer kommunistischen Begierde führt in die Geschichte des Kommunismus und bürstet sie gegen den Strich: 1939 bis 1917. Der Weg zu den revolutionären Wünschen führt die Autorin über deren Enttäuschung, über das doppelte Scheitern der russischen Revolution, das unbewältigt immer noch anhält. Das Buch birgt eine vergangene Zukunft, die Gegenwart hätte sein können und Zukunft sein kann: GESTERN MORGEN“

Simon Wiesenthal – eine Filmbiografie

Simon Wiesenthal Film Der Film „Ich habe euch nicht vergessen – Simon Wiesenthals Leben und Vermächtnis“ (Englische Version) stellt so etwas wie eine filmische Biografie des „Nazijägers“ Simon Wiesenthal dar. Als ich ihn vor kurzem im Kino sah, hat er mich ziemlich mitgenommen, da er aufgrund Wiesenthals Biografie unwillkürlich zu großen Teilen vom Nationalsozialismus und der industriellen Massenvernichtung durch die Nationalsozialisten handelt. Die filmische Verarbeitung dieser Thematik gelingt dem Film um einiges besser, als anderen Machwerken (etwa „Zug des Lebens“, „Das Leben ist schön“ oder „Schindlers Liste“, von Filmen wie „Der Untergang“ oder Geschichtskrimis a la Guido Knopp ganz zu schweigen). In seiner dokumentarischen Art greift er, soweit dies möglich ist, auf Filmdokumente Wiesenthals zurück und vermeidet spannungsgeladene Kompositionen bei der Darstellung historischer Situationen. Auch die sonst meist übliche pathetische Hintergrundmusik bleibt den ZuschauerInnen, mit Ausnahme des Schlusses, erspart (teilweise wird ganz auf musikalische „Untermalung“ verzichtet). Zudem schafft es Iris Berben, als Sprecherin der deutschen Version, eine der Thematik angemessene Atmosphäre zu vermitteln.
Die insgesamt sehr einfühlsame Art des Films erfährt jedoch am Ende eine mir nicht ganz verständliche anheimelnde Wende, die mit der pathetischen Musik des Abspanns schließt.
Davon abgesehen gelingt es dem Film jedoch wie keinem anderen den ich kenne einen Eindruck von der menschlichen Barbarei des Holocausts zu vermitteln.
Ich würde deshalb, nicht nur wegen der gelungenen biografischen Dastellung Simon Wiesenthals, jedem empfehlen ihn sich anzuschauen.

Filmempfehlung bei Riot Propaganda:
http://riotpropa.blogsport.de/2007/11/07/wiederholun

Simon Wiesenthal Center:
http://www.wiesenthal.com

Der gefrorene Mann

Der Gefrorene Mann“ ist der Titel eines Romans von Joseba Sarrionandia, der vor wenigen Wochen in deutscher Übersetzung erschienen ist. Auf den Roman/Autor bin ich über Raul Zeliks Roman „Der bewaffnete Freund“ gestoßen, in dem dieser eine wichtige Rolle spielt.
Beim lesen des Buches ist mir aufgefallen, wie sehr Zelik das Motiv der zwischenmenschlichen Kälte von Sarrionandia übernommen hat. Allerdings konzentriert und beschränkt sich Sarrionandia, im Gegensatz zu Zelik, ganz auf die Herausarbeitung dieses Motivs. In einem eher beschreibenden als wertenden Stil erzählt der Roman die Geschichte eines baskischen Exilanten und des Misslingens der Einfühlung in die menschlichen Gegenüber. Sarrionandia bedient sich dafür zweier zeitlich getrennter Erzählstränge: der eine (im Präsens geschrieben) behandelt die Jugendzeit im Baskenland, der andere (weitgehend im Futur geschrieben) die Gegenwart und Zukunft. Der Ausdruck „gefroren“ ist Metapher für das Gefühl des Vereinzeltseins, das den Protagonisten in Besitz genommen hat. Ob dies der Situation des Exils, dem Zustand der Welt oder einer notwendigen Unfähigkeit des Menschen zur Einfühlung in andere geschuldet ist, bleibt dabei offen (zumindest werden höchstens Hinweise darauf gegeben).
Mir hat der Roman gefallen, auch wenn er mich etwas ratlos zurückgelassen hat…

Cover des Romans

So liest sich der Roman (Anfang):
„Der Freund ist gefroren. So stand es in einer der Nachrichten, die heute angekommen sind. Goio ist eingefroren. Sieh zu, dass du ihn so schnell wie möglich besuchen gehst. Josean Und in einer weiteren Nachricht: Eh, Maribel, du bist doch die Briefträgerin? Unser Briefkasten ist eingerostet und Vögel haben sich darin eingenistet.Tomas Aber die Briefkästen von fast allen von uns sind seit Langem eingerostete Vogelnester. Die Tiere haben sie in Beschlag genommen, um ihre Eier auszubrüten und die Jungen großzuziehen. Meine Aufgabe ist es, Briefe und Pakete für die versprengten Freunde entgegenzunehmen und so schnell wie möglich zu verteilen. Wie alle warte auch ich immer darauf, was aus unserem weit entfernten Zuhause hier eintrifft. Tomas werde ich in einem Telegramm antworten, dass es nicht die Schuld der Briefträgerin ist, wenn keine Post ankommt. Der Begriff gefrieren bedeutet, dass die in einem Körper oder einer Substanz befindliche Flüssigkeit so lange erkaltet, bis sie hart wird. Goio wohnt in der Nähe von Bluefields, Josean in Prinzapolka, das auch an der Atlantikküste liegt, aber etwas weiter nördlich als Bluefields. Goio ist gefroren – weiß der Kuckuck, was Josean damit meint. Goio lebt allein, seit fast vierzehn Jahren im Exil, mit falschen Papieren. Auf einer in der Mündung des Rio Escondido gelegenen Insel, in einem feuchten Haus mit Bretterwänden und Eternit-Dach. Jeder würde hier krank werden, verschimmeln oder verfaulen, mit der Zeit werden wir zwangsläufig alle krank werden, verschimmeln und verfaulen. Aber gefrieren? Niemand kann bei dieser tropischen Hitze gefrieren.“

Normalität als Ausnahmezustand – Raul Zeliks neuer Roman zum baskisch-spanischen Konflikt

Buchcover 'Der bewaffnete Freund' Nachdem ich Raul Zeliks Roman „Der bewaffnete Freund“ gelesen und mir die Rezensionen anderer Medien dazu angeschaut habe, hatte ich das dringende Bedürfnis selbst eine zu schreiben.
Bei manchen der Rezensionen (v.a. FAS) hatte ich das Gefühl, dass die (politische) Intention des Romans schlicht nicht verstanden worden ist, andere (v.a. TAZ) gerieten, über die berechtigte Kritik an der etwas unkritischen Darstellung der ETA hinaus, zu reinen Verrissen um ihrer selbst willen. Weil beispielsweise der Rezensent der TAZ zwar den Nationalismus der ETA angeprangert, den eigene aber ausgeblendet, entstehen Sätze wie der folgende: „Es ist enttäuschend, dass ein sich kritisch verstehender Geist wie Raul Zelik Demokratietheoretiker wie Jürgen Habermas literarisch veralbert, anstatt deren Gedanken ernst zu nehmen.“ Scheinbar hat hier die Kritik des Romans an der Verlogenheit liberaldemokratischer bis linksliberaler Positionen getroffen (auch wenn sie, allem Anschein nach, nicht verstanden worden ist).


Normalität als Ausnahmezustand
„Eine Kleines-gallisches-Dorf-Geschichte, oder? Die Story einer verschworenen Gemeinschaft, die sich gegen den Strom der Zeit stemmt … findest du nicht“, heißt es in einem Dialog in Raul Zeliks neuem Roman „Der bewaffnete Freund“. Dieser spielt im Baskenland und handelt vom Kampf eben jener „verschworenen Gemeinschaft“, die sich die nationale Befreiung von den spanischen Besatzern zum Ziel gesetzt hat.
Dass sich der Autor selbst mit Erklärungen wie der obigen, oder Stichworte wie „Ethno-Nationalismus“ und „Terrorismus“, nicht zufrieden gibt, wird schnell deutlich. Stattdessen präsentiert er eine Sicht auf den baskischen Konflikt, die dessen historische Wurzeln nicht außen vor lässt und auch die „Terroristen“ ausgiebig zu Wort kommen lässt.
Alex, ein Berliner Linker mittleren Alters, kehrt im Rahmen eines Forschungsauftrags nach Bilbao zurück, wo er sich in seiner Jugend regelmäßig aufgehalten hatte. Dort trifft er unerwartet auf einen alten Freund, der seit Jahren für „die Organisation“, wie die ETA hier genannt wird, im Untergrund ist. Als er sich auf einen Freundschaftsdienst einlässt, wird er mit einer Realität konfrontiert, die der seines Alltagslebens diametral entgegengesetzt scheint: einem Leben im Ausnahmezustand, ein Leben der Flucht, ein Leben in ständiger Vorsicht und Angst vor Entdeckung.
Im Laufe der Handlung tritt neben die Schrecken und Widersprüche des bewaffneten Kampfes, immer stärker ein anderes, scheinbar entgegengesetztes, Motiv: Die Angst des Ich-Erzählers vor dem Normalzustand, die Normalität der Angst in seinem alltäglichen Leben, in dem er nichts als funktioniert.
Damit nimmt Zelik das Hauptmotiv seines 2004 erschienenen Romans „Bastard“ wieder auf. War es damals die bulemische Mitzwanzigerin Lee, die mit den an sie und an sich selbst gestellten Erwartungen nicht zurecht kommt, ist es diesmal der angekommene Linke, der zwar sein Auskommen im gesellschaftlichen Betrieb gefunden hat, dessen Leben jedoch immer stärker von emotionaler Vereinzelung geprägt ist.
Alex’ Unfähigkeit zu Empathie gegenüber anderen Menschen, sogar gegenüber der eigenen Tochter, zieht sich als Konstante durch den Roman: „Manchmal habe ich das Gefühl, überhaupt keine Gefühle zu haben, emotional inexistent zu sein“. Diese Unfähigkeit zu Gefühlen, die nicht das eigene Wohl betreffen, wird jedoch nicht einfach als individueller Mangel oder anthropologische Grundkonstante abgetan. „Der Eindruck, von nichts wirklich berührt zu werden“, wie ihn der Protagonist selbst beschreibt, repräsentiert vielmehr die Kälte der bürgerlichen Verhältnisse, die emotionale Verstümmelung des Einzelnen in ihnen.
Zelik ist es dank der geschickte Verknüpfung von politischer Storyline und persönlichen Lebensproblemen der Hauptfigur gelungen einen Roman zu schreiben, der politisch ist, ohne sich dabei auf die Ebene der Agitation oder moralisierender Plattitüde zu begeben.
Einzig auf die unterschwellige Sympathie gegenüber dem baskischen Befreiungsnationalismus, die zwar nie offen auftritt aber dennoch im Unterton der Dialoge mitschwingt, hätte das ansonsten sehr lesenswerte Buch ruhig verzichten können. Hier mangelte es dam Autor offenbar an der notwendigen kritischen Distanz zu seinem Gegenstand.

what is this about?

Hier sollen in Zukunft Texte u. ä. erscheinen, die zwar nicht vom frustrierenden Leben handeln, aber eben aus der frustrierenden Existenz in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen entstanden sind.




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